Ein Wolf kommt auf die Welt.

Der kleine Wolf ist jetzt schon ein paar Tage bei uns Zuhause und ich fühle, wie die Erinnerungen immer mehr verschwimmen. Natürliche Reaktion meines Körpers, aber trotzdem möchte ich die Geburt gerne so wirklich wie möglich festhalten.

Dienstagabend gingen mein Mann und ich recht früh zu Bett, um noch eine Serienfolge zu schauen. Ich war deprimiert, weil der nächste Morgen wieder einen Besuch beim Frauenarzt bringen sollte. Das bedeutete früh aufstehen und dort den halben Vormittag verbringen. Plus das Gespräch über die Einleitung, die wohl nötig wäre. Denkste. Der kleine Wolf hatte das anders geplant.

Um 01:00 Uhr wurde ich wach. Rückenschmerzen und auf Klo musste ich auch. Dorthin gehumpelt und wieder zurück ins Bett gekrochen. Bisschen gedöst und es genossen, dass mein Mann seine warme Hand an meinen Rücken legte. Die Rückenschmerzen kamen irgendwie regelmäßig und wurden immer unangenehmer. Um 01:30 Uhr habe ich mir meine Klamotten, das iPhone und mein Selterflasche geschnappt und bin ins Wohnzimmer umgezogen. Die Katze lag auf meinem Sessel, also blieb ich auf meinem Schreibtischstuhl. Ich spielte und startete regelmäßig meine Wehenapp. So langsam war ich mir dann doch sicher, dass das nicht nur normale Schmerzen waren. Im Sitzen wurde der ganze Bauch hart und es zog dort ordentlich. Dafür waren die Rückenschmerzen fast weg. Der Abstand der Wegen war fast die ganze Zeit ziemlich regelmäßig bei 5 Minuten. Dauer der Wehen 45-60 Sekunden. Ich trank immer wieder vorsichtig kleine Schlucke Selter, ständig begleitet vom Gefühl alles wieder in die Kloschüssel zu befördern. Das (etwas schärfere) Essen vom Abend zuvor war schon wieder aus meinem Körper. Die Zeit verging irgendwie sehr schnell. Die Wehen wurden heftiger und ich las noch etwas in verschiedenen Blogs, Foren und bei Twitter. Noch waren die Wehen irgendwie nicht stark genug – war jedenfalls meine Meinung. Aber ich konnte die Visualisierung mit dem Luftballon im Bauch wunderbar üben. Zwei bis drei Atemzüge schaffte ich pro Wehe.

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Es kribbelte so langsam, als mir bewusst wurde, dass sich der kleine Wolf tatsächlich auf den Weg gemacht hat. Von alleine! Um halb vier hat mir die Katze dann den Sessel überlassen – nur um mir noch mal schön die Pfoten ins Gesicht zu schlagen. Dafür flog sie dann aus dem Wohnzimmer. Im Poäng habe ich es ein wenig besser ausgehalten. Letzte Woche Freitag hatte ich schon alle zehn Minuten einen harten Bauch – was eine prima Übungseinheit für das Aufblasen des Luftballons war. Wie wichtig diese Visualisierung für mich war, wurde mir erst später in den Presswehen bewusst. Ich bewegte mich zwischen Bad und Wohnzimmer hin und her. Um halb vier erwischte mich eine Wehe, als ich noch lief und das war schon eine andere Stärke. Die Abstände waren noch immer bei 5 Minuten. In meinem Kopf lief eigentlich immer nur ein Gedanke: „Nach der nächsten Wehe wecke ich meinen Mann und rufe meine Mutter an.“ Und dann war die Wehe doch nicht so schlimm. Um 4 Uhr watschelte ich ins Schlafzimmer. Mein Mann wollte erst, dass ich mich wieder zu ihm lege, schließlich müsse er erst um 7 Uhr aufstehen. Als er etwas wacher war, wurde auch er aufgeregter, zog sich an und packte noch ein paar Dinge in den Rucksack.

Nach zwei weiteren Wehen war auch meine Mutter informiert und machte sich auf den Weg zu uns. Um 4:45 Uhr sind wir nach 15 Minuten Fahrt im Krankenhaus angekommen. Die Sitzheizung im Beetle tat im Rücken sehr gut. Ich konnte mich tief in den Sitz drücken und meinen Bauch aufpusten. Zwischen den Wehen unterhielt ich mich ganz normal mit den Beiden und war komplett schmerzfrei. In den Wehen hörte ich zwar, was um mich gesprochen wurde, brauchte aber alle Konzentration für mich und den Wolf.

Meine Mutter lies uns vorm Haupteingang aussteigen und parkte. Ich wollte, dass sie zumindest bis nach der Untersuchung bleibt, falls wir wieder nach Hause geschickt werden würden. (Was zu dem Zeitpunkt tatsächlich meine größte Sorge war. Ich wusste die Intensität einfach nicht einzuschätzen.)

Wir liefen am Empfang vorbei – Wehe. Mein Mann redete kurz mit der Dame dort, ich wusste wo wir hin mussten. In den Aufzug – Wehe. Ich habe kurz überlegt dort noch ein Foto zu machen, aber mein Smartphone hatte mein Mann und ich die nächste Wehe. Beim Laufen kamen sie in wesentlich kürzeren Abständen, dauerten aber auch nicht so lange. Wir klingelten an der Entbindungsstation und wurden von einer lieben Hebamme empfangen.

Um 5 Uhr lag ich dann am CTG und war etwas enttäuscht, wie niedrig die Zahlen dort noch waren – und hatte definitiv Angst vor den Schmerzen, die noch kommen würden. Die Hebamme machte die Aufnahme und sprach immer wieder ruhig mit mir. Auf der Seite liegen war okay. Nur der Schlauch, unter den sie die CTG-Knöpfe klemmte, ganz schön eng.

Um 5:50 Uhr kam dann die Ärztin und machte Ultraschall. Den Kopf konnte sie schon nicht mehr messen, war aber mit den letzten Werten meiner Frauenärztin zufrieden. Mein Mann unterhielt sich mit ihr und versuchte auf dem Bildschirm was zu erkennen. Mir dauerte das alles zu lange – auf dem Rücken liegen war doof. Außerdem war das doch jetzt auch egal, schließlich war der Wolf auf dem Weg und bald in unseren Armen! Fruchtwasser war noch ein bisschen zu sehen, die Fruchtblase war bisher nicht geplatzt. Zwischen den nächsten Wehen verpasste mir die Ärztin einen Zugang in die rechte Hand und nahm Blut ab. Bei meinem letzten Zugang tat die Hand nicht so weh… Nach einer weiteren Wehe, die ich irgendwie auf der Liege veratmete, kletterte ich auf den Untersuchungsstuhl. Muttermund 1-2 cm. Uff. Das war ja fast der Befund von vor zwei Tagen? Na das dauert wohl noch den ganzen Tag. Der Mann half mir beim Anziehen. Die Hebammen hatten Schichtwechsel und in der Zeit sollten wir ruhig ein wenig laufen. Ich hing in jeder Wehe an meinem Mann und legte mich wieder auf die Liege – das war besser. Mama war inzwischen wieder gefahren und wollte mittags wieder vorbei schauen.

Die Hebamme, die nach dem Schichtwechsel für die Station da war, hatte eine Praktikantin dabei. Beide unglaublich nett und die Hebamme war genau die richtige Mischung aus mich in Ruhe lassen und mir gezielt Hilfestellung geben. Bevor wir uns dann einen Kreißsaal aussuchten, verschwand ich noch mal auf Toilette. Holla, die Wehe dort musste ich heftig veratmen. Alle drei Kreißsäle waren frei und ich suchte mir den mit der Wanne aus. Vorher fand ich die Idee mit dem Wasser gar nicht so schlecht – als ich dort hinein ging war ich mir schon nicht mehr so sicher. Wir wurden erstmal in Ruhe gelassen.

Ich setzte mich auf den Sessel und hoffte, die Schmerzen dort besser aushalten zu können. Einige Wehen konnte ich dort veratmen. Aufstehen und an meinen Mann hängen brachte schon nichts mehr. Der Schmerz rollte langsam an und ich musste mich konzentrieren, um tief einzuatmen. Etwas später kam dann die Hebamme und bat mich, mich auf die Liege zu legen, damit das CTG angeschlossen werden konnte. Also lag ich dann seitlich dort und die Praktikantin drückte bei jeder Wehe den CTG-Knopf gegen meinen Bauch, sonst zeichnete das Gerät nichts auf. Mein Mann saß an der Kopfseite der Liege und redete mit den beiden. Die Hebamme fragte, ob ich Schmerzmittel haben möchte. Meine Frage, ob das denn auch wirke, beantwortete sie mit einem Grinsen. Dann war ich wieder in der nächsten Wehe und mein Mann entschied für mich. An meinen Zugang wurde Meptid und etwas zum Weichmachen des Muttermundes gehängt. Die nächste Untersuchung gegen 8 Uhr ergab schon 8 cm. Immer wieder wurde kommentiert, wie schnell die Geburt geht.

Geredet habe ich nicht mehr. Zwischen den Wehen gab es kurze Erholung, was ich auch brauchte. Durch das Schmerzmittel war mir etwas schummrig und nach wie vor übel. Gespuckt habe ich erstaunlicherweise nicht. Sämtliches Schamgefühl habe ich an der Tür des Kreißsaales abgegeben. Meine Hose hatte mein Mann mir vor der Untersuchung ausgezogen und wieder anziehen wollte ich sie auch nicht. Ich bekam eine Decke über die Beine und dann hörte das Zittern auch etwas auf. Das Schmerzmittel wirkte schnell und nahm die fiesen Schmerzspitzen aus den Wehen. Es zog weiter ordentlich im Rücken. Die Hebamme fragte irgendwann, ob sich die Wehen anders anfühlen. Prompt hatte ich in der nächsten Wehe das Gefühl eine ganz andere Kraft in mir wirkt. Da die Fruchtblase bis jetzt noch intakt war, öffnete die Hebamme sie. Viel Wasser kam aber wohl nicht mehr. Die Ärztin tauchte auf und ging auch nicht mehr weg. Einige Wehen versuchte ich noch zu veratmen, bis ich mich dann traute, mitzupressen. Mein rechtes Bein stand inzwischen auf der Schulter der Hebamme. Der kleine Wolf rutschte langsam voran. Der CTG-Knopf musste auch immer weiter runter geschoben werden. Mein Mann war inzwischen in der hintersten Ecke des Raumes…

Geschrien habe ich während der ganzen Wehen nicht. Nur gestöhnt und zum Schluss geknurrt. Die Hebamme schob mich immer wieder zurück auf die Liege, in den Wehen krümmte ich mich sehr zusammen. Positionswechsel war dann notwendig. Ich lag auf dem Rücken und zog die Knie an mich. Zuerst zögerlich, dann konnte ich richtig mitpressen. Es war erst ein sehr komisches Gefühl, aber mit der Hilfe der Hebamme habe ich es dann geschafft, nicht in den Kopf zu pressen, sondern zum Wolf hin. Die Zeit zwischen den Presswehen wurde etwas länger und ich klarer. Der Mann bekam dann auch noch eine rausgestreckte Zunge von mir – warum weiß ich nicht mehr. Alles spannte in den Pausen und so richtig war es noch nicht in meinem Kopf angekommen, dass die Geburt gleich passiert war. Ich schaffte es 2x pro Wehe mitzupressen. Das war aber nicht ganz genug – die Ärztin legte ein Laken unter meinen Rücken, zog es über meinem Bauch zusammen und drückte in der nächsten Wehe mit. Das Gefühl zu Zerreißen blieb sehr kurz – dann war’s geschafft.

Um 8:44 Uhr. Erst der Kopf, dann glitt der Rest aus mir raus. Es dauerte einige Atemzüge, bis ich wieder genug Luft hatte. Der kleine Wolf schrie sehr fleißig und war total blau. Sie legten ihn auf meinen Bauch und ich konnte es eigentlich so gar nicht wirklich fassen, dass das jetzt der kleine Punkt auf dem ersten Ultraschallbild ist. Er schaute uns aus seinen großen Augen an und suchte auch ziemlich schnell nach der Milchbar. Er wechselte sehr schnell von blau zu rosig. Wehen hatte ich nicht mehr, aber die Plazenta kam durch leichtes Pressen so. Die Fruchtblase war auch noch deutlich sichtbar – ohne weiteres Riss. Weder mein Mann noch ich wollten die Nabelschnur durchschneiden, was dann die Praktikantin durfte.

Während wir kuschelten, wurde ich versorgt. Ein paar Schürfwunden hatte ich und an zwei Stellen musste noch genäht werden. Das Nähen des Dammrisses war nicht so einfach, weil ich genau dort eine Krampfader habe. Deswegen hätte sich die Hebamme während der Geburt auch nicht getraut, zu schneiden. Die Schmerzen der Geburt waren geschafft – aber das Nähen tat saumäßig weh. Wir durften dann erstmal ausgiebig kuscheln. In der Zwischenzeit waren noch mehr Schwangere angekommen und wir hatten die Hebamme nicht mehr für uns. Nach einer Stunde auf meinem Bauch, wo der Kleine auch seine Körperausgänge testete, wurde er vermessen. 3240 Gramm, 50 cm und 34 cm Kopfumfang. Apgar-Werte 9/10/10 – Hebamme kommentierte das nur locker mit: „Kleiner Streber!“ Mein Mann bekam ihn eingepackt auf den Arm und ich durfte mit Hilfe aufstehen. Dann ging es mit dem Rollstuhl auf die Station in unser Zimmer – ein Dreibettzimmer, aus dem gerade die bisher einzige Patientin entlassen wurde. Ich trug die ganze Zeit über mein Toten Hosen Shirt, was ich auch auf dem letzten Bauchbild an hatte. Und Socken mit Igeln. (Die wir dann liebevoll Blutigel getauft haben.)

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Über die Zeit im Krankenhaus schreibe ich dann demnächst.

4 comments

  1. Margarete Audrey says:

    Ach wie schön! ich hab die letzten Tage immer mal geschaut und auf Nachricht gewartet, toll dass der kleine nun da ist und die eine einfache Geburt hattest.
    ich wünsche euch eine schöne erste Zeit zu dritt und gemütliche babyflitterwochen.
    gelacht habe ich bei Schamgefühl an der Tür abgeben, genauso hab ich mich bei meinen babies auch gefühlt. und so ähnlich hab ich es auch immer beschrieben.

  2. Sabrina says:

    Ah, Gänsehaut. Da kommt etwas vom dem unbeschreiblichen Staunen zurück, was mich einige Tage vor Dir ereilte.
    Wünsche Euch alles Gute und einen entspannte Zeit daheim.
    (sehr cool, daß Dein Mann da noch twittern konnte 😉 )