Harley kommt auf die Welt.

Von wegen „Nummer 2 geht schneller“ oder „Frauen, die weniger auf der Waage haben, gebären schneller“ – kann ich jetzt beides verneinen.

Los ging es wohl tatsächlich am Mittwoch. Ich war mittags noch einkaufen, bevor ich den Wolf aus dem Kindergarten holte und musste ab und zu stehen bleiben, um Wehen zu veratmen. 2-3 Stück pro Stunde, jetzt auch nicht viel mehr als die letzten Wochen – aber irgendwie anders. Ich war froh, als wir zuhause waren. Auto fahren war einfach nicht mehr drin. Der Liebste kam dann nach der Arbeit auch zu Fuß. Wir verbrachten den Abend irgendwie lauernd. Der Abstand wurde kürzer, die Wehen aber noch nicht wirklich heftiger. Wolf ins Bett gesteckt gegen halb sieben. Nebenher hab ich seine Taschen zu Ende gepackt, er sollte am Donnerstag von seiner Oma für drei Nächte abgeholt werden.

Gegen viertel vor acht war ich mir immer noch nicht sicher, was das wird. Die Wehen dauerten knapp eine Minute. Eigentlich hatte ich gedacht, dieses Mal würde ich wissen, wann es los geht. Oder bin ich einfach so sehr bei mir, dass ich es deswegen ganz anders durchlebe? Ich wollte jetzt auch nicht den Start verpassen, schließlich ging es beim Wolf nachher so schnell. Ab und zu zog es jetzt auch mal im Rücken mit.

Um zehn hab ich dann meine Mutter angerufen. Auch als sie hier war, war ich mir immer noch nicht sicher. Naja, sonst fahren wir halt wieder nach Hause. Ich habe noch die Brotdose vom Wolf abgewaschen und ihm Cornflakes eingepackt. Im Stehen ließen sich die Wehen auch ganz gut veratmen. Alles ins Auto geräumt – der Wolf wurde natürlich richtig wach und quasselte aufgeregt mit dem Mann auf der Rückbank. Irgendwas mit Ampeln und Farben. Die Autofahrt war nicht so schlimm, wie bei der Wolfsgeburt.

Halb elf waren wir im Krankenhaus. Mama lies uns am Haupteingang raus und wir liefen langsam zum Eingang. Ich musste Wehen veratmen, war aber ganz bei mir. Hoch zur Station und geklingelt. Uns nahm eine Hebamme in Empfang und es wurde CTG geschrieben. Das gefiel Hebamme und Ärztin nicht so und ich durfte erstmal ordentlich trinken. Dann war es besser, aber die Wehen weniger. Bei der Untersuchung war der Kopf noch nicht richtig fest im Becken, Gebärmutterhals noch etwas da und Muttermund fingerdurchlässig. Ultraschall war unangenehm, aber aushaltbar. Die Ärztin wollte uns dann wieder nach Hause schicken – oder zur Überwachung die Nacht im Wehenzimmer verbringen lassen. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, nach Hause zu fahren und wir blieben. Ich bekam schon mal den Zugang in die Hand und Blut abgenommen.

Um Mitternacht legten wir uns im Wehenzimmer hin. Etwas Schlaf wäre noch ganz gut gewesen. Pustekuchen. Sobald ich lag, ging es wieder los. Ab viertel nach eins ging liegen nicht mehr. Ich saß auf der Fensterbank und habe mich nach hinten an die kalte Scheibe gelehnt. Ab und zu tingelte ich über den Flur bis zum Empfang und zurück. Wehen 3-4 Minuten. Die Hebamme war die meiste Zeit bei einer anderen Gebärenden, die mit geplatzter Fruchtblase kurz vor mir angekommen war. Ich unterhielt mich mit ein paar Nachteulen auf Twitter – die dann auch irgendwann schlafen gingen. Es war ruhig im Krankenhaus und die Nacht machte auch mich ruhig.

Um halb drei Uhr gab es die nächste Runde CTG. Untersuchung ergab 3-4 cm, Gebärmutterhals verstrichen. Zum Glück sind wir nicht nach Hause. Ich traute mich irgendwie nicht, nach der Wanne zu fragen. Warum auch immer. Ich lief weiter. In den Wehen war der Bauch so unglaublich rund. Ich redete stumm mit Harley – wie sehr wir uns auf sie freuen. Der Mann schlief zwischendrin und fand mich dann etwas erschrocken im Kreißsaal. Ich presste meine Kopf an seine Brust und er massierte mir etwas den Rücken. Ich war so froh, dass er da war. Zwischendrin schlief ich im Stehen – ich wusste nicht, dass ich das kann.

Um fünf Uhr die nächste Untersuchung – 5 Zentimeter. Hmpf. Noch weitere fünf Stunden? Es tat schon ziemlich weh jetzt und liegen am CTG war doof. Natürlich musste ich von 5:30 Uhr bis nach dem Schichtwechsel liegen. Die neuen Hebammen stellten sich vor – für den anderen Saal war genau die Hebamme da, die beim Wolf dabei war. Die andere Hebamme tüdelte mich vom CTG ab, ich durfte endlich aufs Klo und danach konnte ich etwas stehen bleiben. Ich tönte schon ziemlich, auf den Rand der Badewanne gestützt und plauderte mit ihr über Geburtspositionen. Vierfüßler klang ganz gut. Nun ja.

Um halb sieben stand plötzlich die andere Hebamme im Raum – sie hatten einfach mal schnell getauscht. Das hat mir wirklich gut getan. Sie bot wieder Schmerzmittel an, was beim Wolf mir schon die fiesen Schmerzspitzen genommen hatte. Leider war der Zugang so schlecht gestochen, dass nichts in mir landete. Sie massierte zwar kurz meine Hand – aber ich musste schon wieder aufs Klo. Die Wehen waren unglaublich stark. Es drückte und zog einfach alles. Ich hätte gerne schon mitgeholfen, aber es war doch noch lange nicht so weit? Ich saß halb auf dem Bett, halb war ich an den Mann gelehnt. Während der Wehen drückte ich die Füße in den Boden und versuchte mir vorzustellen, wie mein Körper sich bereit machte. („Es geht voran, es geht vorbei.“ – Den Spruch habe ich vor Jahren in einem anderen Geburtsbericht gelesen und er half mir sehr.)

Auf Klo veränderte sich alles wieder. Danach wollte mich die Hebamme eigentlich noch mal untersuchen. Sie hörte mich dort eine Wehe vertönen – und beorderte mich sofort vom Klo aufs Bett, zog mir die Hose aus, warf sie dem Mann zu und zitierte die Ärztin herbei. (Was? Jetzt schon?)

Aus der Untersuchung wurde nichts mehr. Eigentlich wollte sie die Fruchtblase wie vorher besprochen sprengen, aber das passierte genau in dem Moment. Dieses Mal hatte ich noch sehr viel Fruchtwasser und badete erstmal alles und jeden. Der Kopf rutschte tiefer und ich begriff langsam, dass das wirklich Presswehen waren, die ich die letzten Minuten irgendwie schon veratmet hatte. Ich lag wieder auf der Seite, ein Bein hielt mein Mann.

Die Geburt des Kopfes tat so unglaublich weh, ich war mir 100 % sicher, es ist alles gerissen bzw. es wurde geschnitten. Ich habe einfach alles gespürt dieses Mal – auch wie der Kopf zwischen den Wehen etwas zurück ging. Die Hebamme ermahnte mich immer wieder, nur in den Wehen zu pressen und zwischendrin in die Hände zu atmen, weil ich hyperventilierte. Es tat einfach nur noch so weh und ich wollte, dass es vorbei ist. Vermutlich war der Mann inzwischen taub, ich habe so sehr geschrien… Dieses Mal wusste ich, wie ich pressen musste und die Ärztin musste nicht kristellern.

Als der Körper dann auch geboren war, war ich wohl wieder etwas forsch – hab sie mir selber geschnappt und das Abklemmen der Nabelschnur erstmal unterbunden. Auch wenn die Hebamme zu meinem Mann sagte, sie weiß schon, was sie da macht. Als die Nabelschnur dann etwas Zeit zum Auspulsieren hatte, hab ich sie selber durchgeschnitten. Die Plazenta kam kurz danach.

Baby auf dem Bauch und kuscheln. Das war so schön. Die Angst vor der Untersuchung danach war vollkommen unbegründet. Ein leichter Riss, aber Damm intakt und es musste nichts genäht werden. Beste Nachricht überhaupt. Das war mit das Schlimmste bei der Wolfsgeburt. Der Blutverlust war auch nicht groß. Unser Fräulein schaute uns mit großen Augen an und hatte angedockt.

Unsere Tochter. Die ich geboren habe.

07:24 Uhr, 3810 Gramm, 50 Zentimeter.

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